Antibiotika

the next pandemic

Ein Text von Jules | 04.02.21


 #Freiheit2.

Durch die globale Covid-19-Pandemie spüren seit einem Jahr nahezu alle Menschen größere Einschränkungen in ihrer persönlichen Freiheit. Ob das bedeutet, nicht mehr normal zu Schule und Uni gehen zu können, nicht zu arbeiten, keine Kulturveranstaltungen und Partys besuchen zu können oder wichtige Menschen nicht zu sehen. Wir alle haben ständig die eine Frage im Kopf:

Wann ist dieser Mist endlich vorbei?

Da drängt sich jedoch schnell noch eine zweite auf:

 Wie wahrscheinlich ist es, dass das in kurzer Zeit wieder passiert und unsere wiedergewonnen Freiheiten wieder eingeschränkt werden?   

 

Hi, melde mich aus dem Lockdown und finde Pandemien eher so doof, dass ich sie nicht wiederholen würde. Durch die ganzen -  meist natürlich sehr sinnvollen - Maßnahmen fühl ich mich in meinem Leben, meiner Jugend und in meiner Freiheit stark eingeschränkt und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Coronavirus nie aufgetaucht wäre. War schon ziemlich dumm, nicht   z. B. auf das UN environment programme (UNEP) zu hören, das seit langer Zeit davor warnt, dass irgendwann mal ein lebensbedrohliches Virus von dem Tier- ins Menschenreich überspringt, wenn wir weiterhin deren Lebensraum zerstören und einengen. Noch dümmer wars vielleicht, sich nicht auf so eine Notfallsituation vorzubereiten.


Aber definitiv am allerdümmsten ist es trotz Erleben einer Pandemie immer noch nicht zu verstehen, dass eine nächste unbedingt verhindert werden muss. Und Pandemien entstehen nun mal nicht nur mehr oder weniger zufällig durch ein neuartiges Virus, das plötzlich auftaucht. Pandemien können sich auch sehr vorhersehbar entwickeln. Neben Viren gibt es schließlich noch Bakterien und andere Mikroorganismen. Manche sind gut, manche (für den Menschen) eher nicht. Viele von diesen kleinen Dingern kennen wir eigentlich schon ganz gut, und seit der Entdeckung des Penicillins 1928 wissen wir auch, wie wir sie bekämpfen können. Das Problem ist nur, dass Bakterienkulturen wahnsinnig schnell wachsen können. Während der Mensch sich seit Jahrtausenden quasi kaum verändert hat, können sich manche von diesen Viechern alle halbe Stunde verdoppeln. So evolutionstechnisch gesehen ziemlich klasse. In viel kürzerer Zeit durchlaufen Bakterien vielmehr Generationen und können sich damit super an neuen Selektionsdruck anpassen. Manche Bakterienarten nur gut, andere Bakterienarten unbeschreiblich effizient. Wenn da jetzt eine Gefahr auf sie zukommt (beispielsweise ein Antibiotikum) sterben sie vielleicht – oder sie entwickeln eine Resistenz gegen dieses Antibiotikum. Das ist jetzt offensichtlich sehr bildlich gesprochen aber grundsätzlich gilt: Je öfter man Antibiotika verwendet, desto wahrscheinlicher wird die Entwicklung einer Resistenz. Und wenn sie die dann mal haben, sind sie nur schwer zu bekämpfen.

Sowohl die World Health Organization (WHO) als auch die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA zählen Resistenzen gegen antimikrobielle Medikamente zu den größten Gefahren für die globale Gesundheit und warnen ausdrücklich vor der weiteren Entwicklung von multi- und panresistenten Erregern, den sogenannten “superbugs”. Multiresistente Erreger sind gegen mehrere verschiedene Antibiotikaklassen resistent, während panresistente Erreger gar nicht mehr mit gängigen Antibiotika behandelt werden können. Allein in den USA sterben jährlich 35.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen, in Europa 33.000 Menschen. Die UN schätzt, dass die Zahlen bis 2050 global von 700.000 Tote auf 10 Millionen Tote pro Jahr steigen werden. Die WHO warnt, dass Antibiotikaversagen bis 2050 die Haupttodesursache werden könnte.


Wie ist es so weit gekommen?


Sicherlich gibt es viele Faktoren, die mit hineinspielen und die Landwirtschaft ist dabei nicht das einzige Problem. Erkrankte Menschen, die sich zwar schon wohler fühlen aber die Krankheit noch nicht ganz auskuriert haben und trotzdem ihr Antibiotikum nicht zu Ende nehmen, erleichtern den Bakterien die Entwicklung einer Resistenz. Das Antibiotikum zu lange nehmen, ist allerdings auch nicht immer sinnvoll. In beiden Fällen können resistente Bakterien “gezüchtet” werden, da die Keime sich an das Antibiotikum gewöhnen und anpassen können. Am besten sollte das Absetzen des Medikaments nochmal mit dem oder der behandelnden Arzt bzw. Ärztin abgesprochen werden. Aber auch Ärztinnen bzw. Ärzte die voreilig Antibiotika verschreiben, beispielsweise bei Erkältungssymptomen die auch durch einen Virus ausgelöst sein könnten, erhöhen die Gefahr einer Resistenz anderer vorhandener Bakterien. Interkontinentales Reisen und mangelnde Hygiene beschleunigen dann die Verbreitung dieser Keime, das war ja auch deutlich bei dieser Pandemie zu sehen. Und sobald diese Keime mal in Krankenhäusern auftreten, werden auch andere Behandlungen wie z.B. Chemotherapie oder Operationen risikoreicher.

Was passiert also wenn immer mehr Bakterien gegen die bekannten Antibiotikaklassen resistent werden? Wir brauchen neue Antibiotika, vor allem solche, die mit neuartigen Mechanismen arbeiten. Das ist grundsätzlich auch möglich, doch da die Erforschung dieser als „unrentabel“ gilt, investierten Pharmakonzerne in den letzten Jahren kaum in die Antibiotikaforschung. Hier gibt es allerdings mal gute Nachrichten: Die größten Pharmaunternehmen verpflichteten sich kürzlich dazu, 1 Mrd. Euro in die Antibiotikaforschung zu investieren. Das ist zwar laut Experten immer noch viel zu wenig, aber immerhin ein Anfang.


Antibiotika sollen nicht verteufelt werden – ganz im Gegenteil: Antibiotika sind ein Segen für die Menschheit und wäre die synthetische Herstellung davon nicht erfunden worden, dann würde die Gesellschaft heute noch ganz anders aussehen und einfache Schnittwunden könnten tödlich sein. Aber genau darum geht es: wir müssen Antibiotika als wirkungsfähiges Medikament retten. Und dafür darf es an keiner anderen Stelle eingesetzt werden als dort, wo es unbedingt nötig ist. Warum die Verwendung in z.B. Schweine- oder Hühnermasten noch erlaubt ist, entzieht sich meinem Verständnis. Meine Ungläubigkeit darüber, warum Massentierhaltung bezüglich Klima und ethischen Gründen immer noch existieren darf, könnte Bücher füllen aber fokussieren wir uns hier mal auf den Gesundheitsaspekt.


Beschäftigt man sich länger mit Bakterien ist man schnell fasziniert davon, was für hochkomplexe Abläufe in so einer Zelle geschehen und wie schlau ganze Kolonien sein können – und das ganz ohne Gehirn. Gleichzeitig sind Bakterien aber oft sehr simpel und haben geringe Ansprüche was ihr Wachstum angeht. Vor allem bei moderaten Temperaturen und gut gefüllten Räumen, wie z. B. in der Tierzucht, teilen sich Bakterien einfach super gern und ab geht‘s. Jetzt gibt es 2 Möglichkeiten: Entweder kleinere Herden, also weniger Tiere, dafür mehr Abstand aber die Gefahr einer Erkrankung der Tiere. Oder Massentierhaltungen und Antibiotika im Futter. Eins ist schlau und vorausschauend. Das andere getrieben vom Kapitalismus. Die prophylaktische Zugabe, also eine Zugabe ohne, dass die Tiere erkrankt sind, soll zwar ab 2022 EU-weit verboten sein und ist es in Deutschland bereits, allerdings schränkt das die unsachgemäße Verwendung von Antibiotika nur teilweise ein. Der metaphylaktischen Verwendung sind nämlich noch keine eindeutigen Grenzen gesetzt. Dabei dürfen gesunde Tiere behandelt werden, sobald einzelne Tiere der Herde erkranken.

Erreger können dann entweder direkt von Tier auf Mensch übertragen werden (z.B. von Schlachtvieh auf die Bauern oder auch von der Hauskatze auf die Besitzer) oder sie gelangen über totes Fleisch oder kontaminiertes Gemüse in den Menschen. Das wäre jetzt erst mal so oder so der Fall – allerdings werden tendenziell gefährlichere sprich resistente Bakterien übertragen, wenn Antibiotika verwendet wurden.


Zusätzlich verbrauchen Organismen, also in diesem Fall Mensch oder Zuchttier, nicht die ganze Menge Antibiotika, die ihnen verabreicht wurde, sondern scheiden davon auch wieder etwas aus. Über Gülle, Mist oder Aquakulturen landet das Antibiotikum schließlich in der Umwelt, und vergrößert die Gefahr der Bildung einer Resistenz.


Es ist zwar so, dass sich die Zugabe von Antibiotika zum Tierfutter in Deutschland in den letzten Jahren deutlich verringert hat, allerdings ist das nicht so toll, wie es klingt. Denn der Anteil von “Reserveantibiotika”, die besonders entscheidend für die Humanmedizin sind, ist dafür angestiegen.


Wenn wir also „antibiotikaverseuchtes“ Fleisch – wie es oft so schlagkräftig genannt wird – kaufen und essen, geht es nicht ums Antibiotikum selbst sondern darum, dass wir damit die Entwicklung von Resistenzen unterstützen. Diese Keime können wir eben entweder direkt aufnehmen oder indirekt in der Umwelt züchten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat übrigens 2015 auf 88% der untersuchten Discounter-Putenfleisch-Proben antibiotikaresistente Keime gefunden.

Das soll nun ausdrücklich keine Kritik an Menschen sein, die sich kein teures Biofleisch leisten können (bei dem übrigens zwar strengere Regeln gelten, aber trotzdem multiresistente Keime enthalten sein können) und deswegen zur billigeren Variante mit Antibiotikaverwendung greifen. Das ist nicht mal Kritik an Menschen, die es sich durchaus leisten könnten, das teurere Biofleisch zu kaufen und trotzdem zur billigeren Variante greifen. Es ist Kritik an einer Regierung die so viel Weitsicht hat wie eine Schnecke.


Wir leben mitten in einer Pandemie, die viel zu viele Menschenleben gekostet hat und immer noch kosten wird, und trotzdem denkt da anscheinend keine einzige Person daran, Maßnahmen zu treffen, die zukünftige Pandemien verhindern könnten. Vor allem weil es sich hierbei eben nicht um ein unbekanntes Virus handelt, gegen das es einfach noch gar kein Medikament geben kann. Sondern weil es sich um Erreger handelt, die wir momentan wirkungsvoll mit Medikamenten behandeln können. Und wir machen uns selbst diese Medikamente kaputt. Die Tierzucht ist dabei ganz klar nicht die einzige Stellschraube, um die Bildung von Resistenzen zu erschweren, aber eine sehr elementare. Schließlich wird weltweit in der Tierhaltung die doppelte Menge an Antibiotika verwendet wie in der Humanmedizin.


Natürlich wird es auch bei sorgsamer Verwendung von Antibiotika zu Resistenzen kommen. Aber weniger und langsamer. Vielleicht so langsam, dass Forscher*Innen mit der Entwicklung neuartiger Antibiotika hinterherkommen. Doch solange so ein massiver Einsatz von Antibiotika noch in der Tierzucht erlaubt ist, ist die Entwicklung weiterer panresistenter Organismen unvermeidlich.

Quellen für diesen Text

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