armutsschauspiel

Ein Armutsschauspiel

Petra | 26.07.23

Die laute Diskussion um das Elterngeld für die oberen Einkommensschichten zeigt mal wieder, worüber kaum gesprochen wird: Über die Menschen und insbesondere die Kinder am unteren Ende, für die niemand eine Petition startet. Wurden Verständnis und Mitgefühl in unserem Land verlernt? Ein Wochenenderlebnis.

Es geschah an einem Sonntag im Kindertheater, als der Pausengong verhallte. Der Vorhang schloss sich und der mannsgroße kleine Tiger und der ziemlich dicke kleine Bär durften für ein Viertelstündchen raus aus ihren heißen Ganzkörper-Fell-Kostümen. Die freundliche Stimme im Lautsprecher wies auf das Pausenbuffet im ersten Stock hin, wo für die kleinen Theaterbesucher*innen Kekse und Apfelschorle warteten. Und bat für eine Spende an der Theaterkasse „für Kinder, die sonst nicht die Möglichkeit zu einem Theaterbesuch hätten.“.  Da raunte schräg hinter mir eine Stimme: „In Deutschland kann jeder arbeiten“. Die Frau, zu der die Stimme gehörte, war mit ihren beiden Kindern da, sie war sichtlich genervt, schon zuvor hatte sie die beiden angekeift, jetzt endlich mal still zu sitzen und aufzuhören, weitere Kekse zu fordern – im Saal galt das Verbot von Speisen und Getränken, klar, angesichts der ansonsten zu befürchtenden Sauerei im Kindertheater. 


Verstohlen blickte ich über die Schulter, sah die Frau aus dem Augenwinkel und dachte unwillkürlich: „Die hat schon so ein hartes Gesicht, das passt ja zur Einstellung.“ Dabei hatte ich zuvor noch gedacht: „Shit, die ist mit den Nerven auch ziemlich runter, ich versteh`s nur zu gut, die ist allein mit den Kindern da, wahrscheinlich war schon der Weg hierher anstrengend genug.“

Jetzt war ich schockiert und wütend, blöde Kuh. Natürlich konnte ich auch anschließend im Biergarten nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie ätzend, dabei war so schönes Wetter und es gab sogar mal ein bisschen Auswahl bei den vegetarischen Gerichten. Aber das menschliche Gehirn sucht ja immer nach Erklärungen. Und meiner Küchenpsychologie zufolge hatte die Frau selbst nie etwas geschenkt bekommen in ihrem Leben. Vielleicht war sie immer auf sich gestellt gewesen, hatte keine Hilfe bekommen in der Ausbildung, in der Schwangerschaft, bei der Suche nach einem Betreuungsplatz. Offenbar hatte sie sich auch einen Armutsbegriff angeeignet, der wenig Geld haben mit Faulheit gleichstellt. Dabei hatte sie selbst auch nicht reich ausgesehen. Eher wie eine Frau, die mit zwei kleinen Kindern viel arbeiten muss und daraus, wenn schon nicht gerade Freude, doch einen gewissen Stolz zieht (der sei ihr ja vergönnt!). Sie also konnte Tickets für sich und die Kinder kaufen. Unsere hatten die Schwiegereltern gesponsert. Ich konnte also gut und gerne zehn Euro für ein Sozial-Ticket spenden, hatte mir ja gut fünfzig Euro gespart. Spätestens hier wird klar: Großzügigkeit muss man sich leisten können. 


Was aber auch klar ist: In unserer Gesellschaft gibt es nicht nur viele arme Kinder, die (noch) nicht arbeiten können, arbeiten sollten und deshalb auch nicht arbeiten dürfen. Es gibt auch Leute, die kein Mitgefühl mehr aufbringen können mit armen Menschen. Nicht einmal mehr mit armen Kindern, die nun wirklich nichts für die Umstände können, in die sie hineingeboren wurden. Und ja, die Frau im Theater ist ein extremes Beispiel. Und doch habe ich das Gefühl, dass sie ein Symptom darstellt in einem an sich reichen Land, in dem alle Probleme auf den Einzelnen abgewälzt werden. Jeder ist seines Glückes Schmied. Du fühlst dich überfordert von den täglichen Anforderungen, dem Spagat zwischen Kind, Arbeit, Familie? Weil der Druck in der Arbeit immer mehr zunimmt, du keinen Betreuungsplatz findest und du dein Leben ohne Oma und Opa vor Ort auf die Kette kriegen musst? Schrei von mir aus deine Kinder an. Mach eine Therapie. Nimm Antidepressiva. Aber falle um Himmelswillen nicht dem System zur Last. Und vor allem: Bleib auf jeden Fall arbeitsfähig. Nur nicht abfallen in die Kategorie Sozialhilfe, denn dann bist du faul und darfst nicht ins Theater – und deine Kinder auch nicht. Die Mär vom Sozialschmarotzer, der nur arm ist, weil er zu faul zum Arbeiten ist oder zu dumm, um einen gut bezahlten Job zu finden – sie ist alt, wird mit jedem neuen Armutsbericht absurder (- denn das wären eine ganze Menge dummer und fauler Menschen: 2023 leben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 20,1 Prozent in Armut, sehr oft mit Job. Damit liegt unser reiches Land über dem EU-Durchschnitt von 15,8 Prozent*), aber sie zieht sich nach wie vor durch unsere Gesellschaft. Ein Auszug: 


Jeder muss schauen, wo er bleibt, man kann nicht jedem etwas geben, überall was spenden geht halt einfach nicht, und was dann wohl wieder mit dem Geld passiert und überhaupt, wir haben’s auch nicht so dicke, die Politik soll lieber mal den Mittelstand entlasten.


Aber dass so viele gar so wenig haben, das ist doch nicht haltbar! Nicht mal im Kapitalismus, den gefühlt eh nur noch die oberen Zehntausend am Laufen halten. Natürlich gehört zur Teilhabe und zum Aufschwung in eine höhere Einkommensschicht mehr als ein Theaterbesuch. Aber hey, in was für einer Gesellschaft wollen wir denn leben? In einer, in der es tatsächlich Menschen gibt, die armen Kindern den Theaterbesuch nicht vergönnen? Oder in einer, in der jeder zumindest so viel Hilfe bekommt, dass er sich und seinen Kindern selbst Karten kaufen kann?

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