bodyneutrality

Muss ich meinen Körper lieben?

Fly | 07.01.2021

„I love my curves, meine Cellulite erst recht!
Ich bin body-confident und feiere alle meine vermeintlichen Problemzonen.“

So funktioniert Body Positivity.
Sich selbst wohlfühlen im eigenen Körper und auch alle „Macken“ an sich lieben, seien es Narben, Gewicht, Flecken, Dellen, alles, was so ein Körper eben mit sich bringt.
Ich bewundere das und frage mich gleichzeitig, ob das wirklich echt ist. Muss ich meinen Körper so bedingungslos lieben und feiern ? Bin ich ein schlechterer Mensch, wenn ich das einfach nicht kann ?

Aber es setzt mich auch unter Druck.
Muss ich meinen Körper lieben, um glücklich zu sein ?
Muss ich meine Narben feiern?
Muss ich es toll finden, wenn ich zunehme ?

Es spricht nichts dagegen, den eigenen Körper zu lieben, zu feiern, darzustellen. Aber es bleibt ständig der Fokus auf dem eigenen Körper und denen von anderen. Viele Social-Media-Accounts, die ihre Bilder unter dem Hashtag #bodypositivity posten, zeigen ihren Körper wie er ist. Ohne Modelmaße, ohne Fotoshop, ohne vorteilhafte Posen, ohne Scham nicht in ein Schönheitsbild zu passen. Zu #bodypositivity gehört auch #fürmehrrealitätaufinstagram, denn ja, jede*r ist anders, jede*r darf seinen Körper lieben und ganz natürlich darstellen.

Und dennoch merke ich, wie ich mich mit den Bildern vergleiche, den Fokus auf körperliche Merkmale lege und kaum noch etwas anderes sehe.Ich stelle meinen eigenen Körper schon lange in Frage und kann nicht behaupten, dass ich eine positive Einstellung zu meinem Äußeren habe. Deshalb bewundere ich die Einstellung von Menschen, die sich Body Positivity auf die Fahnen schreiben und davon absolut überzeugt sind. Aber es setzt mich auch unter Druck.
Muss ich meinen Körper lieben, um glücklich zu sein ?
Muss ich meine Narben feiern?
Muss ich es toll finden, wenn ich zunehme ?

Ich glaube, es gibt noch etwas zwischen Körperhass und Body Positivity. Akzeptanz. Neutralität.
Auch das hat einen Social-Media tauglichen Namen. #bodyneutrality

Body Neutrality ist vielleicht ein erster Schritt auf dem Weg zu Body Positivity. Hierbei geht es erst einmal darum, den eigenen Körper anzunehmen, ohne ihn runter zu machen, aber auch ohne ihn zu feiern. Vor dem Spiegel stehen und ganz neutral sagen zu können “Ja, so sehe ich aus, das ist mein Körper.” Nach Jahren der verzerrten Körperwahrnehmung und Abwertung kann ich mit Body Neutrality mehr anfangen, denn es geht auch darum zu sehen, was der eigene Körper jeden Tag leistet und schafft.
Weg vom Fokus auf das Aussehen, hin zum Wahrnehmen, was der menschliche Körper alles kann.

Dabei geht es auch darum zu sehen, dass wir Menschen viel mehr sind als unser Körper. Der Körper gehört dazu und nur wenn ich diesen annehme und akzeptiere, strahle ich das auch aus. Doch ist es auch so, dass viel mehr Gehirnkapazität frei ist, wenn die ständige Beschäftigung und der Fokus auf das Aussehen wegfallen.
Auch das gehört zu Body Neutrality. Wohlfühlen, annehmen, aber eben auch alles andere sehen, was den Menschen ausmacht, was der Körper schafft, nicht nur wie er aussieht.

Ein Kommentar.

Lilly | 07.01.2021

Wenn wir schon über Body Positivity sprechen, möchte ich an dieser Stelle Kritik üben. Die Bewegung will in ihren Grundzügen nicht-"normschöne" Körper normalisieren und sich von unrealistischen Schönheitsidealen wegbewegen. Man soll Mut haben, sich zu zeigen, wie man ist und sich so richtig feiern. Every body is beautiful.

Hier hake ich ein: Seit einigen Jahren versuche ich jetzt, meine persönlichen Schönheitsstandards in eine andere Richtung zu bewegen, indem ich mehr bodypositiven Accounts und weniger klassischen Insta-Models folge und trotzdem würde ich sagen, dass ich nicht alle Menschen bedingungslos schön finden kann. Das muss ich aber auch gar nicht.

Wir alle sind von vielen verschiedenen Faktoren in unseren Idealbildern geprägt und es ist sehr mühsam, sich dieses Erlernte wieder abzutrainieren. Wichtig ist, dass man seinen Blick weitet und vor allem alle Körper toleriert, als gleichwertig wahrnimmt und genauso auch behandelt. Was tut es denn zur Sache, ob ich jemandes Optik ansprechend finde? Wer erlaubt mir, das zu bewerten? Meistens hat einen niemand gefragt und doch ertappt man sich dabei, wie ein kleiner innerer Monolog abläuft, der die andere Person abwertet und nach ihren Äußerlichkeiten analysiert. 

Das ist vielleicht realistischer, auch wenn es perfide klingt - sich hässlich zu fühlen. Alle dürfen sich unperfekt vorkommen, das Gefühl haben, zu dünn oder dick zu sein, zu viel oder wenig hiervon oder davon zu haben.

Ein großes Problem unserer Gesellschaft ist, dass Schönheit Wert bedeutet, sie ist quasi damit gleichzusetzen. Vor allem der Wert von Frauen (bzw. weiblich gelesenen Personen) wird daran bemessen, wie attraktiv, jung, schlank etc. sie sind. Wir sind nicht in der Lage dazu, auf einen Menschen zuzugehen, ohne bereits sämtliche körperliche Eigenschaften gecheckt und bewertet, vielleicht auch mit uns selbst verglichen zu haben. Sicherlich ist das ein Stück weit normal, man sieht Leuten meistens einfach nicht an, dass sie toll kochen können oder weltklasse Freund_innen sind. Aber wieso kann der Kopf das Äußere nicht unkommentiert lassen? Oder noch mehr, wieso können sich manche nicht davon abhalten, diese persönliche Meinung in irgendeine Kommentarspalte zu klatschen?

Ein weiteres Problem mit Body Positivity ist, dass sich die Bewegung von allen möglichen, auch von “normschönen” Menschen angeeignet wird. Hiermit meine ich zum Beispiel, dass in den letzten Monaten vermehrt schlanke, weiße, abledbodied Cis-Frauen zwei Fotos im Vergleich gepostet haben, #samebodydifferentpose: Auf dem einen in einer “vorteilhaften” Pose, auf dem anderen strecken sie zum Beispiel den Bauch heraus, sodass der Körper ganz anders wirkt. Klar ist die Intention eine gute, es ist ja auch interessant zu sehen, dass selbst die schönen Influencer_innen nur mit Wasser kochen und mit gutem Licht, schmeichelhaften Posen und vielleicht sogar PhotoShop arbeiten, um die vermeintliche Perfektion hinzubekommen. Trotzdem sieht man aber auf den “unvorteilhaften” Fotos immer noch dieselben, in unserer Beauty-fokussierten Welt privilegierten Frauen. Und bei #bodypositive geht es eigentlich darum, Körper sichtbar zu machen, die in den Medien, in der Werbung usw. kaum einen Platz haben und allgemein eher nicht als “schön” gelten.

Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich wunderschön und in seinem Körper wohl zu fühlen. Ich würde mir sehr wünschen, dass man sich von den eigenen Zwängen befreien und das ungehemmt tun könnte. Und dass es nicht notwendig wäre, allen aus Prinzip die ganze Zeit zu sagen, wie schön sie sind, einfach weil Body Positivity. Das kann auch toxisch werden.

Genauso haben alle auch das Recht darauf - und das ist vielleicht realistischer, auch wenn es perfide klingt - sich hässlich zu fühlen. Alle dürfen sich unperfekt vorkommen, das Gefühl haben, zu dünn oder dick zu sein, zu viel oder wenig hiervon oder davon zu haben. Kurz, nur weil ich objektiv normschön bin, muss ich meinen Körper nicht automatisch lieben. Aber es wäre wünschenswert, sich trotzdem ungefähr da einzuordnen wo man steht und nicht die Aufmerksamkeit zu beanspruchen, die andere dringender brauchen.

Quelle: https://www.verywellmind.com/what-is-body-positivity-4773402#:~:text=%20Depending%20on%20who%20you%20ask%2C%20body%20positivity,Accepting%20your%20body’s%20shape%20and%20size%20More%20
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