Cumbia pa'l arte - eine Ode an die Kunst
Lilly | 29.04.2026
Der Song “Cumbia pa’l Arte” der Künstlerin Encantada lädt nicht nur zum Tanzen ein, sondern trifft als moderner Protestsong einen Nerv. In Zeiten, in denen Timothee Chalamet uns vor ein paar Wochen einen (pop)kulturellen Schockmoment bescherte, indem er die Relevanz von Theater und Ballet öffentlich infrage stellte (z.B. hier oder hier) und damit Theatre Kids und Kunstliebhaber*innen weltweit (zurecht!) in Aufruhr versetzt, brauchen wir dringend Kunst, Musik und Verbindung.
Foto: Sophie Wanniger
Wir sind müde. Kriege überall, fürchterliche Menschen in Machtpositionen, man möchte die Apps gar nicht mehr öffnen. Jede Nachricht bringt Erschöpfung, nichts überrascht mehr. Gleichzeitig sind wir übersättigt – mit Medien und deren Erzeugnissen, mit online sein, mit Auswahl und Entscheidungsmöglichkeiten. Möglich, dass Kunst in diesem ganzen Wirrwarr überflüssig scheint. Was ist Kunst überhaupt? Willkürlicher Wert, der irgendwelchen Werken auf einem, wie alles, kommerzialisierten Markt zugeordnet wird? Ausverkaufte Bühnenshows weltbekannter Megastars, bei denen nichts dem Zufall überlassen wird? Oder doch die kleinen Dinge, die uns im Alltag begegnen?
Darauf hat Encantada viele Antworten, auch, wenn sich ihr die Frage gar nicht stellt. In ihrer Cumbia, einem ursprünglich kolumbianischen Tanzstil und Rhythmus im zweiviertel Takt, der sich in ganz Lateinamerika verbreitet hat, wird sie selbst zur Kunst: Ob eine Linie auf einer Leinwand, ein Liebeslied, ein außergewöhnlicher Stoff, ein Rhythmus. Poetisch führt sie umher zwischen sinnlichen Sprachbildern, gleichzeitig weisen gelegentlich eingestreutes Wolfsheulen und Cumbia-Rhythmik darauf hin, dass der Inhalt nicht nur eine Hymne auf die Kunst, sondern ein Aufruf zum Widerstand ist: Der Refrain
canta la cumbia canta, hasta que salga es sol, la luna acompaña nuestra lucha con un tambor
(zu dt.: Sing die Cumbia, bis die Sonne herauskommt, der Mond begleitet unseren Kampf mit einer Trommel) macht deutlich, dass Kunst viel mehr ist als ein Nice-to-Have; Musik stiftet Identität, sie verbindet, sie emotionalisiert, sie treibt an.
Nos quieren quitar las ganas de vivir/ pero no van a ganar/de aquí no me voy a ir (zu dt.: Sie wollen uns den Lebenswillen nehmen, aber sie werden nicht gewinnen, von hier gehe ich nicht weg) – Encantada verweist auf eine Prekarität, die wir alle spüren können, ihre Lösung: Zusammenschluss und Verbindung, der Weg dorthin: Musik und Kunst.
Deren Personifizierung und der Wunsch, Gemeinschaft zu stiften, Gemeinsamkeiten sichtbarer zu machen, die wir sowieso alle teilen, äußert sich in in der Zeile
quiero ser arte (ich möchte Kunst sein), die den Song rahmt. Revolution, politische Kämpfe und Veränderung können nur gemeinsam erreicht werden, aber bitte mit in feministischer Zärtlichkeit:
quiero soñarte, mirarte, abrazarte, apoyarte, amarte, adorarte, acompañarte
(Ich möchte dich träumen, dich ansehen, dich umarmen, dich unterstützen, dich lieben, dich verehren, dich begleiten) und [quiero]
dejar de odiar sin dejar de luchar (ich möchte aufhören, zu hassen ohne aufzuhören, zu kämpfen). Am Ende sollen sich nicht nur verschiedene Kunstformen, Mensch, Natur und Musik zu einem verbinden, sondern im besten Falle auch unterdrückte Gruppen:
que los fachos van a temblar (dass die Faschisten zittern werden).
Encantada ist eine argentinisch-deutsche Singer-Songwriterin aus München/Buenos Aires, die bereits seit Jahren in München, Deutschland, Europa und der Welt tourt und Menschen für sich begeistert. Ihre Musik besingt Liebe, Identität, Weltschmerz und Politik, wobei sie sich verschiedener lateinamerikanischer und internationaler Einflüsse bedient. Im März war sie erstmals Voract der spanischen Band KeTeKalles, am 3. Mai folgt ein weiterer besonderer Moment, wenn sie das Konzert von La Muchacha in Berlin eröffnet – zu hören ist sie in diesem Jahr noch in ganz Deutschland.
Am 30.04.26 erscheint Encantadas neue Single "No sé". Mehr zu ihr und ihrer Musik findet ihr unter https://encantadamusic.com/ oder auf Instagram @encantada.music.
Foto: Sabine Hüttl
