Achtung, Politik

Ist das 

jetzt schon

politisch?


Lilly | 01.10.20
Politik? Da muss man sich ja krass auskennen… das kann ich nicht, das ist mir zu anstrengend. Solche Dinge habe ich auch gedacht, als wir damals in der Schule Demokratie, Wahlsysteme und den Bundestag durchgenommen haben. Das muss man sich alles merken, das muss man alles wissen, um mitreden zu können? Boah, keine Ahnung.
Diese Reaktion ist kein Wunder, denn das, was man erstmal mit dem einschüchternden Begriff Politik verbindet, sind spießig gekleidete Leute, die mit unverständlichen Fachbegriffen, die man
erstmal googeln müsste, über irgendwelche Steuern und abstrakte Gesetzesentwürfe reden - was hat das mit mir zu tun? Ich dachte immer, ich müsste mich krass einlesen, das gesamte Grundgesetz kennen, alles von Wirtschaft verstehen, um da mitreden zu können. Das schien mir eine nicht zu bewältigende Aufgabe.

„ICH HÄTTE GAR NICHT GEDACHT, DASS DU MAL SO POLITISCH WIRST“

Allerdings hab ich mich mit der Zeit immer mehr für das interessiert, was in meinem Umfeld passiert, ich habe Missstände festgestellt und so nach und nach  begonnen, mich genauer mit gesellschaftlichen Fragen und Problemen auseinanderzusetzen, viel mit Leuten zu quatschen und schließlich auch für meine daraus gewonnenen Standpunkte einzustehen. Gerade, wenn es um Dinge geht, die einen direkt betreffen, wie in meinem Fall zum Beispiel der Feminismus, ist es leicht, in den Diskurs einzusteigen, weil man allein aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus etwas dazu sagen kann. Ohne es zu merken, bin ich da also in etwas reingerutscht. Ich positioniere mich heute klar und bin oft diejenige, die andere in Diskussionen verwickelt, um auf
Probleme aufmerksam zu machen und zum nachdenken anzuregen. Freunde von mir nehmen mich aufgrund meines umfassend(wirkend)en Wissens als Autorität wahr und meine Mama sagt
zu mir: „Ich hätte gar nicht gedacht, dass du mal so politisch wirst!“

POLITK IST ÜBUNGSSACHE

Letztes Jahr hatte ich ein Gespräch mit Freundinnen, es ging um die Pille danach, weshalb ich mich auf Aussagen von Politikern berief, unter anderem Jens Spahn. Durch die Reaktionen meiner Freundinnen wurde mir klar, dass keine von ihnen wirklich wusste, wer das war, auch andere bekannte Politiker kannten sie nicht. Diese Erfahrung bleibt mir seitdem im Gedächtnis, weil ich immer wieder in ähnliche Situationen komme, und mich frage, weshalb sich Personen komplett aus „Politischem“ raushalten. Trauen sie sich sich keine Mitsprache zu? Denken sie, sie seien nicht befugt, teil zu haben?
Es gibt kein Grundwissen, das man vorweisen muss, um bei politischen Themen mitreden zu
können. Ebenso kann nahezu alles ein politisches Thema sein, sobald es gesellschaftliche Relevanz hat. Politiker sein - und das ist mir auch erst sehr spät klar geworden - ist auch kein Beruf, den man in irgendeiner Form lernt, dafür gibt es kein Studium, keine Ausbildung. Die Menschen, die in der Politik arbeiten, kommen aus den verschiedensten Bereichen und Berufen.
„Politisch sein“ bedeutet, sich an der Gestaltung unserer (zukünftigen) Gesellschaft zu beteiligen. Jeder ist Teil dieser Gesellschaft, darum hat auch jeder ein Mitspracherecht, das sich zumindest im Wahlrecht widerspiegelt. Wer sich dabei raushält, keinen Standpunkt bezieht oder Desinteresse zeigt, sagt im Endeffekt, es ist mir egal, was mit unserer Gesellschaft passiert, macht ihr einfach.

ALLER ANFANG IST SCHWER

Ich selbst bin auch weit davon entfernt, mich mit jedem Thema auszukennen, das geht schließlich gar nicht. Wirtschaft zum Beispiel ist etwas, das mich im Detail nie sonderlich interessiert hat, mittlerweile beschäftige ich mich aber auch damit, um ein umfassenderes Verständnis für Zusammenhänge zu entwickeln und verschiedene Faktoren zu betrachten, um zu etwas Stellung zu beziehen. Es mag schwierig wirken, einzusteigen, so wie es immer schwer ist, mit irgendetwas
anzufangen, aber letztendlich steckt man schon tiefer drin, als man denkt: In einer Zeit, in der die Fridays-for-Future-Bewegung ein Massenphänomen ist und ständig über Diskriminierung gesprochen wird, sei es bezüglich Rassismus, Feminismus oder Body Positivity, ist so gut wie jeder Teil davon. Die Social-Media-Plattformen spielen dabei eine erhebliche Rolle. Sich aus aktuellen Diskursen rauszuhalten oder gar nichts davon mitzubekommen ist praktisch unmöglich.
Und letztendlich ist selbst das völlige Ignorieren dieser Debatten ein politisches Statement.
Auch du bist politisch! Ob du willst oder nicht. Deshalb ist es umso besser, sich aktiv mit den
Themen unserer Zeit zu befassen - ohne Vollständigkeitsanspruch. Ein Anfang kann sein, sich einmal in der Woche die Heute Show oder Extra 3 anzusehen, wo man auf unterhaltsame Weise das aktuelle Geschehen mitverfolgen kann, sowie der Tagesschau oder anderen
Nachrichtenkanälen auf Instagram zu folgen, die mehrmals täglich in Kurzform über die neuesten Ereignisse in der Welt berichten. Man muss nicht gleich eine Partei gründen oder eine Revolution anzetteln, aber gerade wir jungen Menschen sollten daran interessiert sein, wie unsere Zukunft aussehen wird - erst dann können wir anfangen, Einfluss zu nehmen.
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