"Ich möchte, dass meine Musik mir Energie gibt, wenn ich sie anmache."
Lilly | 23.04.2026
Die Jazz- und Popmusikerin MAIKA ist nicht nur Gründerin eines preisgekrönten Jazzfestivals für mehr Sichtbarkeit von FLINTA-Personen und Komponistin für Theatermusik, sondern weiß auch kluge, systemkritische Beobachtungen über die Musikszene und darüber hinaus eloquent auf den Punkt zu bringen. Am 8. Mai veröffentlicht sie ihr neues Album Senza Padroni Baby, dessen erste Singles bereits erschienen sind. Unsere Redakteurin hat mit ihr via Zoom über Musik, Politik und Persönliches philosophiert.
Foto: Fred Fisch
MAIKA, bürgerlich Maika Küster, sitzt vor einem Wandregal mit Pflanzen in ihrer Kölner Wohnung, das Fenster ist offen, was man anhand gelegentlicher Autogeräusche feststellen kann. Die 32-jährige, gebürtig aus Dinslaken, erzählt, Musik habe schon immer eine Rolle in ihrem Leben gespielt, wenn auch nicht als “Machende”, ihr Wunsch, ein Instrument zu lernen, äußerte sich bereits im Kindesalter. Zum Glück kam sie auf eine Schule, an der es verpflichtend war, ein Blasinstrument zu spielen, für ihre Eltern aber “bitte auf keinen Fall ein großes und lautes”. Der Kompromiss: Querflöte – was sie später, gemeinsam mit Jazzgesang, auch studiert. “Aus feministischer Perspektive habe ich mich im Nachhinein fast geärgert. Heute würde ich mich vielleicht eher für Trompete oder Posaune entscheiden – entgegen dem Klischee, das in der Szene vorherrscht.” Schließlich seien etwa 90% der Studierenden männlich, die Frauen bekleiden typischerweise “nur” Gesang und Flöte – ihrer Liebe zu beiden Instrumenten tut dies allerdings keinen Abbruch.
Musik als Ausdrucksform empfindet Maika schon früh als Geschenk. “Hätte ich damals nicht so einen guten Musiklehrer gehabt, der mich in meinen Vorlieben und Talenten erkannt und gefördert hat, wäre es gar nicht dazu gekommen.” Gerade rhythmische Musik und Gesang, aber auch Improvisation liegen ihr; der im Jazz ausgebildete Lehrer unterstützte den Ausbau ihrer Fähigkeiten. Mit 11 Jahren habe sie das erste Mal die Dreigroschenoper live gesehen, deren Musik auch von Jazzeinflüssen durchzogen ist. “Das war ein erster Zündmoment, ich war besessen davon.”
Später dann, während des Studiums, fallen ihr Ungleichgewichte auf, was sie zur Gründung eines FLINTA*-Kollektivs bewegt. Auf diversen Jazz-Festivals, die sie besuchte, war in den Line-Ups keine einzige Frau vertreten. Gleichzeitig findet sich innerhalb ihres Studiengangs eine Gruppe gleichgesinnter Frauen: “Wir wollten gemeinsam etwas starten, um uns in dieser männerdominierten Welt gegenseitig zu supporten.” Sie setzen sich zusammen, die Idee eines Festivals für mehr Sichtbarkeit scheint naheliegend. Sie planen, beantragen Förderung, zunächst vor allem als gegenseitige Unterstützung. Der Name, PENG-Kollektiv, entsteht als humoristische Reaktion auf das männliche geprägte und renommierte KLAENG-Jazzkollektiv in Köln. Daraufhin folgt viel Gegenwind und Belächelung, ihnen wird bewusst: “Alleine der Akt, dass sieben Frauen ein Festival machen, wird als feministische Provokation gelesen. Man kann gar nichts dafür, ob und wie etwas politisiert wird. Es ist wie Beine rasieren: Ich rasiere sie mir nicht und Leute sprechen mich an, ob ich das aus politischen Gründen mache oder ob ich faul bin. Dabei ist doch die Tatsache, dass dein Bart wächst, doch auch kein politischer Akt.”
Foto unten: Fred Fisch
"Jazz ist in Deutschland generell eine recht unpolitische Szene."
Die Erfahrungen im Rahmen des Festivals radikalisierten Maika “auf eine gute Art”: Bei hochkarätigem Programm fällt das Lob ausgerechnet auf den Blumenschmuck (“man sieht, dass das Frauen machen”), es vermischt sich das ständige Hineindeuten feministischer Botschaften in die bloße Existenz von Frauen mit altbackenen Vorurteilen und fehlender Ernstnahme. Dabei feiert das Festival, das auch 2026 im September wieder im Maschinenhaus Essen stattfinden wird, dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum – und hat bereits mehrere Preise gewonnen, darunter den WDR Ehrenpreis 2021 und im vergangenen Jahr den Deutschen Jazzpreis für das Festival des Jahres (vertreten sind jeweils sieben Bands innerhalb von 3 Tagen, etwa 120 Leute haben im Publikum Platz, mehr unter https://peng-festival.de/).
Ist Jazz in Deutschland generell eine unpolitische Szene? “Absurderweise ja”, meint Maika. Im Studium habe man zwar Jazzgeschichte, es würde aber kaum die prekäre Widerstandssituation im Entstehungskontext erklärt. Unterrichtet würde man vor allem von weißen Ü60-Männern. Identitätspolitisches Handeln habe zwar seine Grenzen, schließlich käme Macht erst von einem besseren Ressourcenzugang, den reine “Diversity” nicht gewährleisten kann. “Das macht auf jeden Fall was mit der Psyche, dass man sich repräsentiert fühlt in Werbung und TV, letztendlich ist es aber eine Stimmung, ein Trend, der keine Lebenssituation verbessert und Diversität nur in elitären Ecken schafft.”
Von Zuhause hat die Musikerin ihre politische Haltung nicht. Ihre Mutter floh aus Polen, als Opfer der real sozialistischen Strukturen: “Wenn jemand gesagt hat, er oder sie studiert Sozialpädagogik, hat sie die Krise gekriegt." Schließlich war es Maikas Freundeskreis, der ihr Zugang zu feministischen Büchern und Themen verschaffte. Irgendwann stieß sie auf Marx, ihr sagte der Ansatz zu, Geschichte anhand materialistischer Umstände zu analysieren. “Das fand ich so stimulierend für meinen Kopf, dass ich da hängen geblieben bin.” Im Jazz fand sie diesbezüglich zunächst kaum Gleichgesinnte, was sich bis heute aber verändert hat.
Bei allem Bewusstsein für Diskriminierung und systemische Problematiken ist es naheliegend, mit Jazz als kulturell angeeignter Praxis zu hadern. Deshalb mache sie auch keinen Jazz in Reinform mehr, so Maika. “Ich würde zum Beispiel nie einen Blues aufnehmen.” Sie betont allerdings, dass Kritik an diskriminierenden Praktiken, Strukturen und Dynamiken wichtig und berechtigt ist. Gleichzeitig plädiert sie dafür, den Blick nicht nur auf Einzelpersonen zu richten, sondern vor allem die strukturellen und historischen Bedingungen zu reflektieren, aus denen solche Phänomene entstehen. “Der Mensch ist nicht per se schlecht, sondern strukturell, gesellschaftlich und historisch gewachsen durch die weiße kolonialisierte Welt”, Systemkritik dürfe nicht hinter Individualkritik verschwinden. Vielmehr haben solche Diskurse das Potential, die Rechte zu stärken, indem Linke über die moralische Erhabenheit streiten.
Ihre Weg -Entwicklung vom Jazz hatte also politische Gründe, jedoch ohne bewusst zu sagen “ich spiele keinen Swing mehr”, was Maikas Lieblingsrichtung ist. “Ich habe mit Jazz angefangen, weil ich Ella Fitzgerald und Billie Holiday total toll fand. Diese Musik zu machen hat sich dann aber zunehmend sehr komisch angefühlt, weil es keinen guten Rahmen dafür gab, wo ich mich wohl gefühlt hätte. Zudem waren es organische, sinnliche, geschmackliche Aspekte, die mich davon weggebracht haben.” Dabei habe natürlich im Grunde jede rhythmische Popmusik ihre Wurzeln in nichtweißer Kultur, wie auch der Sound der 80er, dessen sich Maika nun bedient. Während der Pandemie dann hat sie die Zeit genutzt, nach anderer Musik gesucht, herumprobiert und gebastelt, bis sie neue Stile für sich entdeckte und entwickelte.
Foto: Fred Fisch
Die Popmusik, in der sich Maika heute eher verortet, bietet mehr Freiheit, fernab vom institutionalisierten Hochschulkontext: “Im Pop hat ein Ton, ein Akkord, eine Farbe viel mehr Wirkung und Wichtigkeit.” Dabei halte sie eigentlich wenig von der Genre-Einteilung, wie sie häufig aus musikwirtschaflichen Gründen vorgenommen wird. Am Ende wolle man schließlich einfach schöne Musik machen. “Ich verstehe diese Kategorien gar nicht so richtig. Ich weiß, ich mache kein Metal und ich mache keinen Schlager, aber es könnte auch passieren, dass irgendwas irgendwann mal kurz daran erinnert.” Schließlich habe jedes Genre einen gewissen Ausdruck, handwerkliche Ansprüche, eine gewisse Disziplin. “Weil das Leben widersprüchlich ist, werde ich mich auch immer wieder verschiedener Genres bedienen müssen. Gewisse Lebensgefühle kann nichts besser ausdrücken als Schlager.”
Normen, was man “darf” und was nicht, sowie die Einteilung in “Unterhaltungs- und Ernste Musik” sind für Kunst als Ausdrucksform nicht gerade dienlich. Gerade die klassische Musikszene nehme sich dabei viel zu ernst. “Ich liebe gutes Handwerk und Disziplin, sich einer Sache hingebungsvoll zu widmen, Respekt vor einer Tätigkeit zu haben, die für den Menschen schön ist. Ich finde KI schlimm, weil dadurch die Dinge an Wert verlieren. Die Tätigkeit des Lernens, das Handwerk, sich einer Sache als Mensch zu widmen und Sinnhaftigkeit zu geben, geht verloren.” Die Idee, man dürfe alles nur mit Gewalt und Disziplin lernen, findet Maika allerdings “überhöht und dämlich”: “Es geht um fucking Musik. Das ist keine Herztransplantation, das ist doch fun?”
In aktuellen wie vergangenen Debatten um den Verlust der Kunst gehe es selten darum. “Kunst versucht immer, sich selbst als eine Notwendigkeit zu erheben. Für mich ist sie ein Spiegel gesellschaftlicher Dynamiken und der Möglichkeiten, was man gerade zeigen und wie man sich ausdrücken kann.” Maika macht politische Musik, weil es sie beschäftigt, nicht, weil Musik damit eine besondere Berechtigung bekommt, die die Welt besser macht. Was bringt es, kulturelle Konflikte an Theatern groß auszufechten, wenn sich ein Großteil der Leute gar kein Ticket dafür leisten kann oder anderweitig keinen Zugang dazu findet? Die (künstlerische) Auseinandersetzung mit Themen sei wichtig, viel wichtiger abseits davon ist für Maika jedoch die Vernetzung, um Druck auf schadhafte Systeme aufzubauen. “Das passiert nicht (nur) im schöpferischen Moment, sondern im normalen Austausch. Menschen müssen lernen, sich ohne Herren zu organisieren.”
Senza Padroni Baby
Maikas neues Album “Senza Padroni Baby”, das am 8. Mai erscheint, ist ihr “bisher politischstes Album, aber mit sehr viel Humor.” Früher sei ihre Musik balladesker gewesen, so auch im vorangegangenen Album “Holy Noon”, mit dem sie 2025 für den Deutschen Jazzpreis als „Newcomerin des Jahres“ nominiert war, die Musik war kaum tanzbar, was sich nun ändert: “Ich hatte Bock, dass es mir Energie gibt, wenn ich das Album anmache. Dass ich an traurigen Tagen, wenn ich keinen Mut fasse, trotzdem das Gefühl habe, alles schaffen zu können.” Ganz im Sinne Rosa Luxemburgs, die sie an dieser Stelle zitiert, gehe es darum, trotz des Schmerzes, der Kämpfe, der Qual und der Herrschaftsform menschlich zu bleiben, “fest, klar und heiter” zu sein. Sich Orte der “guten Energie” zu schaffen, indem man tanzt, singt und in Gemeinschaft ist und damit die Energie auflädt, die es einen kostet, an sich und den Umständen Kritik zu üben.
Das Album widmet sich vor allem zwei Emotionen: Wut und Freude. Auch Traurigkeit sei dabei, ein “verbindendes Gefühl” , dabei wolle sie aber nie moralisierend oder pathetisch sein. “Ich will, dass die Leute am Ende gezwungen sind, mich zu fragen, ‘bist du gegen den Kapitalismus?’, damit ich ‘Klassenkampf’ und ‘Lohnarbeitszwang’ sagen kann. Ich will das ja in Interviews besprechen, weil es total wichtig ist, dass Leute checken, dass die Probleme und Gefühle, die sie haben, durch materielle Umstände kommen – nicht, weil sie falsch und seltsam sind. Gleichzeitig, denk ich, sollte jeder mal eine Therapie machen, weil das Leben total heftig ist.”
Neben ihrer eigenen Musikkarriere schreibt Maika Theatermusik, bringt sie in Stücke ein, den Spielenden bei oder spielt selbst mit. Außerdem leitet sie seit einem Jahr einen Chor in Köln Mühlheim, wo sie ihre eigenen Erfahrungen mit Stimme einbringen und trotzdem ständig dazu lernen kann, mit viel “Lernlust und Respekt vor der Aufgabe”. Singen sei etwas so Intimes, für manche “schlimmer als vor anderen zu pinkeln.”
Foto: Lenja Kempf
Auf die Frage, wer Michek aus ihrem Song Michek’s House Party sei, lacht Maika, steht auf und holt etwas. Zurück kommt sie mit einem Stoffbeutel voller kleiner Kuscheltiere – eine Erinnerung an ihre verstorbene Mutter. Diese habe immer mit den Tieren gespielt, sie lebendig werden lassen, was Maika irgendwann als eine Art Ritual übernahm. Daraus gingen besonders zwei Figuren hervor, mithilfe derer sie sich von Musikkonventionen und Glaubenssätzen befreien und Neues ausprobieren konnte, weil den beiden die Regeln der Branche so wie menschliche Zwänge fremd und egal seien. “Die beiden mögen eben diese funky Musik, die 80er.” Einer der beiden ist Michek, ein 27 Jahre alter grauer Bär, etwa so groß wie eine Hand. Erst ließ Maika ihn mit Freund*innen skypen, dann auch Musik produzieren. “Wenn er mit meinem Kompositionslehrer spricht, bin ich gar nicht da. Der nimmt ihn total ernst und manchmal haben sie dann lustige Diskussionen.” So entstand auch der Song, die Chords gespielt von Michek.
In Sachen Musikbusiness sollte der Fokus laut Maika auf einer totalitären Betrachtung liegen. “Ich kann die Branche nicht besser machen, wenn sie von Grund auf wie jeder andere Wirtschaftszweig krass kapitalistischen Regeln folgt.” Noch nie habe es so viel Geld in der Musikindustrie gegeben wie heute, trotzdem müsse man sich vor Augen führen, dass die, die davon am meisten profitieren, eigentlich nichts mit Musik am Hut haben. Plattformen werfen durch Streamingzahlen Geld ab, indem sie einfach existieren. “Wir unterschätzen, wie sehr es nicht um eine menschlich coole Sache geht.” Es lohne sich also nicht, für eine Branche zu kämpfen, in der nichts zu holen ist. Die Vernetzung un der Aufbau von Druck müssten an anderer Stelle passieren. Wichtig hierbei für die Sängerin: Die Balance aus realpolitischer Wirksamkeit und dem Aufrechterhalten langfristiger Ziele. “Wenn wir nur dabei bleiben, FLINTA zu buchen oder zu gendern, uns auf Dinge zu verlassen, die im Zuge kapitalistischer Werte kurzzeitig en vogue sind, besteht keine Sicherheit, dass es bleibt oder besser wird: Ein Wechsel von Mode oder Regierung und auf einmal können wir nicht mehr entscheiden. Der Zugang zu Geld und Macht bricht weg und wir können nichts machen. Hier Veränderungsarbeit zu leisten, muss also das weitreichende Ziel sein.”
Für die Zukunft wünscht sich Maika, dass “gewisse Dinge leichter werden”, sie mehr Konzerte spielen kann, mehr Räume und Ressourcen für die Musik bekommt. Wichtig sei dabei eine Community, welche die Musik schätzt und mag, so wie es bisher häufig der Fall ist, wenn Menschen sie kennenlernen. Trotzdem habe sie wenig Erwartungen, es gehe um Widerstand und antikapitalistische Aspekte, dabei machen schon kleine Dinge, Konzerte, Interviews, Orte der Wirksamkeit einen Unterschied. Wie bei allem geht es Maika übergeordnet um Austausch und Vernetzung, denn “Ich glaube nicht, dass Kultur allein die Welt rettet.”
Termine
- 08.05. Senza Padroni Baby Album Release
- 25.-27.09. PENG Festival 2026
Literaturempfehlung
- Vivek Chibber: „Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals“
Foto: Fred Fisch
