Zeitlichkeitenspecial

MITMENSCHEN


Blogbeitrag von ZEITLICHKEITEN – Celine

Editorial aus dem Issue 6, Leitthema Mitmenschen

Kennst du diesen Spruch über Fliegen? Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen, fliegen Fliegen hinter Fliegen her? Mitmenschen ist ein Wort, mit dem das auch funktioniert: Mitmenschen sind Mitmenschen, wenn sie mit Menschen sind. Poetische Meisterleistung. 

Wir alle sind Mitmenschen, du, ich, deine Nachbarin, dein Zahnarzt, deine Schwester. Sobald wir unter anderen Menschen sind, sind wir Mitmenschen (und eben auch gleichzeitig mit Menschen). Und trotzdem scheint diese Erklärung ein bisschen zu leicht. Wer sind wir als Mitmenschen? Und: Sind wir als Mitmensch immer gleich? Und noch viel interessanter: Wer sind wir ohne Mitmenschen? Wer sind wir allein? Werfen wir ein Blick auf dieses interessante Wort, auf uns selbst und all die anderen Mitmenschen da draußen. 

 Fotos: Anouk Edinger

 In der Soziologie gehen verschiedene Theorien davon aus, dass es bestimmte Rollen gibt, die Individuen “spielen”. Ähnlich wie im Theater laufen wir durch die Welt als viele verschiedene.

Zuerst müssen wir klären, dass das Wort “Mitmensch” nicht ohne einen Individuenbegriff auskommt. Was bedeutet das? Im Gegensatz zum Wort “Menschheit” zum Beispiel deutet das Wort “Mitmensch” auf eine Beziehung zwischen zwei hin. Eine Person ist ein Mensch, die andere ist dessen Mitmensch. Ich bin mit einem anderen Menschen. Ich plus eins. Da wird auch direkt eine Perspektive klar. Menschheit, das ist eine Masse, die jemand von außen beobachten kann. Ein Vogel kann die Menschheit sehen oder auch ein Mensch selbst, von hoch oben. Auf die Menschheit können wir “drauf schauen”. Auf Mitmenschen nicht so sehr. Mitmenschen, das sind die Menschen um mich, um uns herum. Es gibt mich und es gibt euch, meine Mitmenschen, es gibt uns und es gibt sie, unsere Mitmenschen. Wenn wir Mitmenschen beschreiben, gehen wir also immer von einer ganz bestimmten Position aus: von uns selbst als Zentrum oder von einer bestimmten Gruppe als Zentrum. Alle die drum herum stehen, das sind die Mitmenschen. 

Wenn das Wort Mitmensch ein Individuenbegriff braucht, um zu existieren, dann können wir auch eigentlich direkt da anfangen - beim Individuum. In der Soziologie gehen verschiedene Theorien davon aus, dass es bestimmte Rollen gibt, die Individuen “spielen”. Ähnlich wie im Theater laufen wir durch die Welt als viele verschiedene. Für unsere Nachbarin sind wir eine andere Person, und eben auch ein anderer Mitmensch, als für unsere Mutter. Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht authentisch sind und uns immer verstellen, sobald wir Frau Müller über den Weg laufen (oder vielleicht tun wir das ja auch wirklich), aber es bedeutet, dass wir keinem Mitmenschen auf die gleiche Art und Weise begegnen. Oft sind unsere Rollen ganz klar zu sehen: Beim Bäcker bin ich in der Rolle der Kundin, in den öffentlichen Verkehrsmittel bin ich Fahrgast, bei meinem Freund bin ich Partnerin. Manchmal sind es aber auch nur Nuancen. Selbst bei unseren beiden besten Freund:innen sind wir nicht gleich. 

Mit den Rollen kommt noch ein zweiter Begriff ins Spiel: Erwartungen oder Erwartungshaltungen. Unsere soziale Realität funktioniert nur deshalb so “reibungslos”, weil wir mit bestimmten Rollenerwartungen durch unseren Alltag gehen. Wir erwarten, dass wir beim Bäcker für Geld eine Breze bekommen und wir erwarten, dass unser Bruder anders mit uns spricht als unser Dozent. In unserer Normalität sind ganz viele Dinge schon irgendwie vorprogrammiert, wir müssen uns keine Gedanken machen, ob der Straßenbahnfahrer auch wirklich Straßenbahn fahren kann, wir erwarten es einfach. Diese Rollenerwartungen machen es für unser Gehirn sehr viel leichter. Und auch wenn wir nicht bewusst darüber nachdenken, wir haben an all unsere Mitmenschen die unterschiedlichsten Erwartungen. Am deutlichsten wird uns das bewusst, wenn mit unseren Rollenerwartungen gebrochen wird. Wenn plötzlich eine Situation entsteht, in der wir aufschrecken und sehen, dass die Straßenbahn, in der wir gerade stehen, einfach an einer anderen Straßenbahn entlangschleift (wahre Begebenheit). Dann stellen wir auf einmal unser Vertrauen in den Straßenbahnfahrer in Frage. Dann denken wir uns: Huch, kann da jemand etwa gar nicht Straßenbahn fahren? 

Auch gegenüber uns selbst, in Situationen, in denen wir ganz allein sind, haben wir Erwartungen. Ich erwarte von mir, dass ich in der Sauna entspanne und ich erwarte, dass ich an meinem Schreibtisch aus meinen Uni-Texten schlau werde. Nicht etwa, weil ich mir das so ausgedacht habe, sondern weil viele Mitmenschen schon vor mir in der Sauna entspannt haben und vor Uni-Texten verzweifelt sind. Du siehst, wir weben hier ein dichtes Netz aus Menschen, Dingen, Gegebenheiten und Zeiten. Oder anders: die Gesamtheit unserer Umwelt mit all ihren Elementen bestimmt, welcher Mitmensch wir gerade sind.

Jetzt könnten wir fragen: Was ist denn, wenn wir uns wirklich ganz abkapseln von allen? Was ist, wenn wir einfach nur da sitzen und gar nichts erwarten?  Gar nichts zu erwarten ist auch schon eine Erwartung. Und abkapseln von allen, allein sein, geht das überhaupt? Können wir überhaupt ein Mensch sein, ohne Mit? Meine Antwort wäre nein. Stichwort: Globalisierung. Oder auch: Arbeitsteilung. Oder auch: Dienstleistungsgesellschaft. Ich würde sagen: Wenn du nackt in den Dschungel gehst und dort in Isolation lebst, voila, dann bist du ein Mensch ohne Mit, sonst nicht. In unserer heutigen Zeit hängt alles von allem ab. Wir können keinen Schritt in der Zivilisation machen, ohne dass tausende Menschen an uns gewirkt haben. Unsere Schuhe wurden hergestellt, transportiert, gelagert, verschickt. Die Straße wurde geebnet, geteert, gepflastert. Ein Schritt, tausende Menschen. Wir können uns dem gar nicht, oder eben nur sehr schwer, entziehen, dass wir ein Mitmensch sind. 

Okay, könntest du jetzt denken, worauf will sie mit diesen Erklärungen überhaupt hinaus? Ich glaube, ich will sagen, dass das Sprichwort, das am Anfang dieses Textes steht, überhaupt nicht stimmt. Menschen sind nicht nur Mitmenschen, wenn sie mit Menschen sind. Menschen sind immer Mitmenschen. Wir sind immer Mitmenschen. Ob wir wollen oder nicht. 

Und was ich noch sagen will: Lasst uns das Beste daraus machen, dass wir keinen Schritt ohne Mitmenschen gehen können. Lasst uns daran erfreuen, dass wir alle so stark vernetzt sind, aber gleichzeitig niemanden am anderen Ende der Welt für unsere Schuhe ausbeuten. Ich glaube, manchmal fehlt uns diese Einsicht. Dass an allem Menschenleben hängen. An Schuhen und Straßen und Straßenbahnen. Lasst uns nachsichtiger sein. Wir sind alle nur (Mit)Menschen. 


Dieser Text ist als Editorial im Zeitlichkeiten Magazin Issue 6 erschienen. Mehr Ästhetik, Achtsamkeit und schöne Worte rund um das Thema Mitmenschen findest du im Magazin.

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Celine (rechts) ist die Gründerin und Redaktionsleitung von ZEITLICHKEITEN. 2020 hat sie ihr Herzensprojekt ins Leben gerufen.
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Annalena (links) ist die Ansprechpartnerin für Kooperationen und übernimmt viele Aufgaben als Texterin. 


Gemeinsam verfolgen wir unsere Träume und Visionen und erschaffen mit ZEITLICHKEITEN eine Wohlfühlinsel auf Papier.


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